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«Es trifft einmal mehr die Ärmsten»

20.02.2021

Barbara Kruspan lebt seit bald 30 Jahren in der Provinz Cabo Delgado und ist seit knapp vier Jahren für SolidarMed tätig. Mosambik ist ihre Heimat geworden. Früher hat sie in Mocímboa da Praia gelebt – dort wo jetzt islamistisch-motivierte Terroristen ihr Unwesen treiben. Sie kennt die Situation sehr gut.

Barbara Kruspan, SolidarMed Landeskoordinatorin Mosambik, kennt selber auch Menschen, die fliehen mussten, einige kann sie bis heute nicht erreichen. Dies macht sie persönlich sehr betroffen. Christian Heuss

Wie lange lebst Du schon in Mosambik und wie gut kennst Du die Region Cabo Delgado?

Im März 2021 werde ich 30 Jahre lang in Mosambik leben, und zwar genau in der Provinz Cabo Delgado. Erst wohnte ich ganz im Norden in Mocímboa da Praia – also genau dort, wo jetzt die ganzen Angriffe stattfinden und wo der grosse Teil der Flüchtenden herkommt. Aus diesem Grund trifft mich diese Situation also auch noch persönlich sehr, da ich Menschen kenne, die geflohen sind und die ich nicht mehr erreichen kann. Damals zwischen 1991 und 1994 war es so angenehm dort zu leben. Die Region war zwar auch schon zu jener Zeit sehr arm, jedoch ist der Graben zwischen Arm und Reich in Cabo Delgado sehr viel grösser geworden.

Zu sehen und zu spüren, dass sich sowieso für die ganz Armen über die letzten 30 Jahre hinweg nicht viel getan hat, macht mir schon zu schaffen. Aber Cabo Delgado ist mein Zuhause und ich habe weiterhin den Wunsch und starken Willen meinen Beitrag hier zu leisten. Ich habe aber natürlich auch viele Dinge gesehen, bei denen wir Wirkung erzielt haben und das motiviert einen auch wieder. Cabo Delgado kenne ich sehr gut. Aber da die Provinz doppelt so gross ist wie die Schweiz, kenne ich natürlich auch nicht jede einzelne Ecke gleich gut.

Was beschäftigt Dich in der jetzigen Situation besonders stark?

Mitansehen zu müssen, dass es einmal mehr die Ärmsten trifft. Es sind diejenigen, die am meisten unter der Flucht leiden, die keine Mittel haben, um eine neue Existenz aufzubauen oder weit weg zu fliehen. Sie wurden durch so viele Krisen immer wieder geplagt; Bürgerkrieg, Trockenheit, Überschwemmungen, ganz schlimm im 2019, der Zyklon Kenneth. Und dann kommt zusätzlich auch noch diese Krise. Die Menschen kommen einfach nicht aus diesem Zyklus raus und es kommt immer noch eins mehr obendrauf. Mich beschäftigt auch, dass diese Krisen nie wirklich im Sinne einer Versöhnung aufgearbeitet wurden.

Vielen Menschen geht es seelisch schlecht. Aber dann kommt dieser Überlebensdruck und man rennt vor allem den existenziellen Dingen hinterher, um zu überleben. Es ist ein Überlebens-Modus und die Seele kann sich gar nie erholen. Das ist schon ein Aspekt, der mir weh macht mitanzusehen. Ich finde es auch schwierig zu akzeptieren, dass dies so wenig thematisiert wird. Klar sind die Grundbedürfnisse so zentral, wenn man so arm ist. Aber wenn die Seele leidet, ist vermutlich einfach auch der Lebenswille nicht mehr so gross. Viele Menschen haben ihren ohnehin schon kleinen Besitz durch die Flucht verloren. Ich kenne auch persönlich Menschen, die auf der Flucht sind. Diese Gesamtsituation macht mich sehr betroffen.

Womit sind die Flüchtenden konfrontiert?

Zuerst ist es wichtig zu erwähnen: Die Not in den Dörfern dieser Gegend ist schon ohne Flüchtende gross. Auch die ortsansässigen Menschen leben in grosser Armut. Es ist mittlerweile klar, dass der grösste Teil der geflüchteten Menschen bei ansässigen Familien (Verwandten oder Bekannten) unterkommt. Somit wächst auch der Druck auf die ansässige Bevölkerung. Was in den unzähligen Häusern und Hinterhöfen, wie beispielsweise in der Provinzhauptstadt Pemba, in Montepuez, Ancuabe, Chiúre, Metoro, etc., passiert, ist von aussen weniger sichtbar, als die Situation der Menschen in den Umsiedlungsdörfern. Die Menschen dort werden in sehr kleinen Hütten untergebracht – diese sind noch kleiner, als hier bereits üblich. Man kann kaum aufrecht stehen darin. Als Baumaterial dient Bambus, Holz und Lehm, die Dächer sind aus Gras. Auch die sanitären Anlagen sind äusserst notdürftig. Die Menschen haben kaum zu essen und sauberes Trinkwasser ist sehr rar. Diese Bedingungen begünstigen Krankheiten wie Cholera – in Ancuabe sind schon erste Cholerafälle aufgetaucht. Das alles ist sehr besorgniserregend.

Die chronische Mangelernährung ist bereits sehr schlimm, sie wird jetzt durch eine drohende Hungersnot aber noch verstärkt. Es ist allgemein bekannt, dass mangelhafte Ernährung negative Folgen für die Gesundheit der Kinder und grosse Auswirkungen auf die Entwicklung des Hirns hat. Die Kinder haben dann eher Schwierigkeiten in der Schule, was später wiederum Folgen für die Wirtschaft des Landes hat.

Diese Menschen warten alle auf ihre Behandlung im Gesundheitszentrum in Chiúre, Mosambik. Maurice Haas

Ein Zimmer im Gesundheitszentrum in Chiúre, Mosambik. Maurice Haas

Was bedeutet diese Krise konkret für die Gesundheitszentren?

Der grosse Personalmangel ist ein Riesenproblem. Das war ja ohnehin schon problematisch und nun kommen immer mehr Menschen an. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass viele Umsiedlungsdörfer weit entfernt von Gesundheitszentren sind. Menschen, die nicht über ein Transportmittel verfügen oder schwer krank sind, erhalten keine Behandlung. Die Mittel sind einfach sehr eingeschränkt.

Aktuell steigen wir auf mobile (integrierte) Kliniken («Brigadas Móveis Integradas») um. Es ist sehr wichtig, dass man den Menschen umfassende Services anbieten kann, also dass in diesen mobilen Kliniken möglichst viele Dienstleistungen integriert sind. Dieses Angebot versuchen wir zu stärken. Die Kliniken sind tatsächlich mobil: Das heisst, die Gesundheitsbehörden organisieren zusammen mit Partnern, wie SolidarMed, Fahrten in die abgelegenen Dörfer. Die Klinik ist mit dem nötigen Material für diese Besuche ausgestattet und das Personal fährt mit. Im Rahmen einer Fahrt kann das Personal dann zum Beispiel schwangere Frauen untersuchen, Impfungen und HIV- sowie Tuberkulose-Testungen durchführen und gleichzeitig auch noch Zahnbehandlungen machen.

Die Regierung unternimmt jetzt auch den Versuch, das geflüchtete Gesundheitspersonal aus dem Norden hier in der Region einzusetzen. Wir als SolidarMed finden dies gut und unterstützen sie dabei. Dem zusätzlichen Gesundheitspersonal soll aber auch eine funktionierende Infrastruktur zur Verfügung stehen und sie sollen anständig wohnen können. Wir unterstützen sie dabei, damit sie einigermassen würdig in den Dörfern leben und in den Gesundheitszentren arbeiten können.

Wie unterstützt SolidarMed die Menschen?

Wir unterstützen die lokalen Gesundheitsbehörden bei ihrem Vorhaben, mobile Gesundheitsteams in die besonders abgelegenen Umsiedlungsdörfer zu schicken. Zum einen stellen wir unsere eigenen Fachkräfte zur Verfügung und zum anderen übernehmen wir zusätzlich anfallende Kosten für Transport oder Personal. Weiter sensibilisieren wir die Menschen über Hygienethemen, um den Ausbruch der Cholera oder die Ausbreitung von Covid-19 in Grenzen zu halten. Wir unterstützen die Behörden auch bei der Verteilung von Moskitonetzen, um die von Malaria besonders gefährdeten Kinder zu schützen. Natürlich stärken wir aber auch weiterhin die nun noch mehr geforderten Gesundheitseinrichtungen zum Beispiel mit Personalschulungen.