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Covid–19: Der drohenden Katastrophe trotzen

21.04.2020

Die Covid–19-Pandemie macht vor Afrika nicht halt. Sie trifft mit voller Härte ins Herz einer bereits schwachen Gesundheitsversorgung. Es droht ein Versorgungskollaps mit gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen weit über die Corona-Krise hinweg mit anhaltenden Auswirkungen.

Die Tuk-Tuk-Ambulanz wurde während der Covid-19-Pandemie mit Kanistern zum Händewaschen ausgestattet.

Das Coronavirus stellt die Gesundheitsversorgung weltweit vor gewaltige Herausforderungen. Auch im südlichen Afrika werden viele Menschen an Covid–19 sterben. Es fehlt an der notwendigen intensiv-medizinischen Betreuung, es fehlen teure Beatmungsgeräte, es fehlt an Pflegepersonal. Selbst einfache Ausrüstung, die zumindest das Personal vor Infektionen schützen könnte, ist oft nicht vorhanden. Auch gibt es meist kein funktionierendes System, um schwer kranke Menschen an ein besser ausgestattetes Spital zu überweisen. Menschen mit schweren Covid–19 Erkrankungen haben im südlichen Afrika wenig Überlebenschancen.

In dieser schwierigen Situation fokussiert sich SolidarMed auf den Schutz des Gesundheitspersonals. «Wir müssen sicherstellen, dass Menschen, die für die medizinische Versorgung der Bevölkerung verantwortlich sind, genügend vor Covid–19 geschützt sind», sagt Jochen Ehmer, Geschäftsleiter von SolidarMed. «Nur so können wir die Gesundheitsversorgung auch für andere Erkrankungen sicherstellen.»

Kollaps der Gesundheitsversorgung verhindern

Die Ebolakrise 2014/2015 in Westafrika verursachte enorme indirekte Gesundheitsfolgen. Während der Epidemie sind zehntausende von Menschen an behandelbaren Krankheiten gestorben, aufgrund der Überlastung und fehlender Ressourcen des Gesundheitssystem. Dies gilt es jetzt unbedingt zu verhindern. SolidarMed hat daher bereits Anfang April ein Nothilfeprogramm für die fünf Einsatzländern entworfen. Dank schneller Unterstützungszusage der Direktion für Entwicklungszusammenarbeit DEZA und ihren lokalen Ländervertretungen unterstützt SolidarMed nun 19 Spitäler und 38 Gesundheitszentren in allen 5 Einsatzländern bei der Bewältigung der Covid–19 Krise. Gleichzeitig werden die bestehenden anderen Projekte, z.B. im Bereich Mutter-Kind-Gesundheit, so gut wie möglich weitergeführt, um eine negative Auswirkung durch den Fokus auf Corona möglichst zu vermeiden.

SolidarMed versorgte bisher bereits die Gesundheitseinrichtungen mit Schutzmaterialen, half beim Aufbau von Isolationszentren und schulte das Personal beim Screening von Verdachtsfällen und unterstützt bei der Berichterstattung, was für die weiteren Massnahmen essentiell ist. «Dank den Verbindungen zum Universitätsspital Basel, ist SolidarMed in der Lage, Covid–19 Erfahrungen aus der Schweiz in die afrikanischen Partnerinstitutionen zu übertragen», sagt SolidarMed Präsident Niklaus Labhardt, der als klinischer Infektiologe am Universitätsspital Basel arbeitet.

Blick nach Lesotho

Ein Augenschein in Lesotho zeigt die Dramatik der Situation. Lesotho legte nach Vorbild Südafrikas am 30. März das öffentliche Leben still. Die Regierung schloss Märkte, Bars und Restaurants und forderte die Bevölkerung auf zu Hause zu bleiben. Zwei Wochen später galt das Land nach offiziellen Angaben noch immer als Covid–19-frei. Doch die Dunkelziffer an Infektionen dürfte tatsächlich bereits drastisch gestiegen sein. «Lesotho war bis Mitte April nicht in der Lage, im eigenen Land zu testen», sagt der Infektiologe Alain Amstutz, der in den Distrikten Butha Buthe und Mokhotlong fürs Swiss TPH und SolidarMed arbeitet. Mögliche Infektionsherde blieben daher lange unerkannt.

Entsprechend beunruhigt und verärgert zeigte sich das Personal an Gesundheitszentren und Spitälern des Landes. Zwei Wochen nach Ausruf des Notstands fehlten noch immer Schutzmassnahmen für das Gesundheitspersonal. Masken, Handschuhe oder Hygienematerial waren über das Gesundheitsministerium nicht verfügbar. Gleichzeitig zogen Soldaten und Polizisten bereits mit Schutzmasken durch die Strassen. «Die Situation war hochexplosiv», sagt Alain Amstutz. Am 4. April rief das Gesundheitspersonal aus Protest den landesweiten Streik aus. Nur dringende medizinische Notfälle wurden noch behandelt, der Kollaps der ganzen Gesundheitsversorgung drohte.

Bei einer hochinfektiösen Erkrankung wie Covid-19 zählt jeder Tag. Dank den finanziellen Mitteln der DEZA konnte SolidarMed in dieser Situation rasch handeln. Dringend notwendiges Material wie Masken, Handschuhe, Schutzbrillen, Infrarot-Fiebermesser oder Desinfektionsmittel konnten über Händler in Südafrika besorgt werden. Alain Amstutz und SolidarMed Projektleiter Thabo Leone und ihre Teams begannen noch vor Ostern mit der Ausrüstung von Spitälern und Gesundheitszentren. «Diese Unterstützung war in dieser Situation absolut notwendig», sagt Amstutz. Diese schnelle Hilfe in der Not zeigt die Solidarität von SolidarMed mit den Partnern, ist dieser überzeugt.

Doch es fehlte nicht nur an Material. Spitäler und Gesundheitszentren waren nicht in der Lage, Verdachtsfälle frühzeitig zu erkennen und zu isolieren. Thabo Leone und sein Team schulten daher das Personal an jedem einzelnen Gesundheitszentrum in den beiden Distrikten Mokhotlong und Butha Buthe. Sie definierten mit den Verantwortlichen Empfangszonen oder bauten Isolationszelte auf. «Zumindest in dieser ersten Phase fehlte jegliche Hilfe des Gesundheitsministeriums», sagt Alain Amstutz. «Die inhaltliche und finanzielle Unterstützung durch SolidarMed war absolut essenziell.»

Die Bevölkerung schützen

Funktionierende Gesundheitszentren sind ein wichtiges Ziel der SolidarMed Interventionen. Gleichzeitig müssen aber auch Risikogruppen vor Infektionen geschützt werden: Menschen mit anderen schweren Erkrankungen wie Tuberkulose, Mangelernährung oder HIV. Und das ist in vielen Einsatzregionen eine gewaltige Herausforderung. Das Zusammenleben afrikanischer Gemeinschaften über drei bis vier Generationen in einer Haushaltung erlaubt wenig Spielraum für Massnahmen wie Social Distancing und häusliche Isolation. Auch Hygienemassnahmen ohne fliessendes Wasser sind schwierig durchzuführen, Seife bleibt oft ein Luxusgut.

Mit Flyern, Radiospots und vor allem mit persönlichen Besuchen in Dorfgemeinschaften wurden die SolidarMed Teams aktiv. Beispielsweise in Chiúre, Mosambik, wurden die 13 SolidarMed-Motoambulanzen zu mobilen Hygienestationen umgerüstet. Mit Wasserkanistern und Seife platzierten sich die Tuk-Tuk-Fahrzeuge an Knotenpunkten rund um die Stadt und boten so Möglichkeiten zum Händewaschen an. Zusätzlich wurden 18 Dörfer in der Umgebung mit Wasserkanistern zur Handhygiene ausgerüstet. Sie stehen nun unter der strengen Aufsicht der jeweiligen Dorfvorsteherinnen. «Mit Aktionen im Dorf werden wir die Kultur des Händewaschens weiter fördern», sagt Sonil Juangete, der diese Massnahmen leitet. Kleine, aber wichtige Beiträge zur Eindämmung der Epidemie.

Die allgemeine Gesundheitslage wird sich in allen Ländern schnell und dynamisch entwickeln. Auch SolidarMed steht damit vor einer gewaltigen Herausforderung. Dank der medizinischen und finanziellen Unterstützung aus der Schweiz sind die lokalen Teams für diese dringend notwendigen Einsätze gerüstet.