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Ein Leben lang Patientin

19.03.2020

Weltweit leben 2,8 Millionen Kinder mit HIV. Viele unter Therapie. Kindgerecht ist diese nicht. Deshalb stoppen viele Jugendliche die Einnahme und es drohen lebensgefährliche Resistenzen.

Simbabwe Mit angespanntem Lächeln sitzt Mutter Mhlava Makhese mit ihrem 10-jährigen Sohn Ripfumelo vor der Klinik für Infektionskrankheiten des Spitals in Chikombedzi. Gestern erst hat sie eine Textnachricht auf ihrem Handy erhalten mit der Aufforderung, so bald als möglich mit ihrem zweitältesten Sohn die HIV-Klinik im Spital aufzusuchen. Ripfumelo ist seit Geburt HIV-positiv und steht unter Therapie.

Während des Gesprächs mit Dr. Kevin Mawana, dem Leiter der Infektiologie, verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht der Mutter. Erschütterung und Sorge machen sich breit. Die HIV-Therapie hat bei Ripfumelo die Wirkung verloren. Die Zahl der Viren im Blut ist in den letzten Monaten dramatisch angestiegen: Von 1’532 gezählten Viren pro Milliliter Blut auf 17’332 bei der letzten Messung vor einigen Wochen – ein Alarmsignal. Die Krankheit Aids könnte bald ausbrechen. Als Folge der Immunschwäche könnte der Junge an weiteren schwerwiegenden Infektionen wie einer Lungenentzündung oder Tuberkulose erkranken.

Ripfumelo Makhese hat das Virus von seiner Mutter erhalten, die ebenfalls HIV-positiv ist. Von ihrer Infektion wusste die damals 24-jährige Frau nichts. So kam es während der Geburt zum Blutaustausch mit dem Baby, was bedeutet, dass Ripfumelo von Geburt an Träger des HI-Virus ist.

Die beiden Schwestern tragen die Bürde des HI-Virus in sich. Sie wünschten sich eine Uhr, damit sie stets wissen, wann sie die Medikamente
einnehmen müssen

Dass sich bei Kindern im Alter von Ripfumelo Resistenzen gegen die HIV-Therapie entwickeln, sei leider keine Seltenheit, sagt Dr. Kevin Mawana. «In der Pubertät nehmen viele Kinder die Medikamente nicht mehr regelmässig und es kommt zu Mutationen in den Viren, es bilden sich Resistenzen. Man muss in diesem Fall möglichst rasch auf eine andere Kombination von Wirkstoffen ausweichen.»

Das Spital in Chikombedzi liegt in der südlichsten Provinz Simbabwes, nahe der südafrikanischen Grenze. Weit weg von der Hauptstadt Harare. Seit mehreren Jahren regnet es zu wenig.

«Ripfumelo braucht dringend eine Umstellung auf eine sogenannte Second-Line-Therapie», erklärt Dr. Kevin Mawana der Mutter. Leider ist diese Therapie momentan aber nur am etwa 150 km entfernten Distriktspital im Hauptort Chirdezi verfügbar. Auch diese Behandlung wird Ripfumelo kostenlos erhalten. Doch die Kosten der Busfahrt bis zum Spital mit ihrem Sohn muss Mhlava Makhese selbst tragen. Und diese 80 simbabwischen Dollars, umgerechnet 20 Rappen, sind für die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern bereits eine existenzielle Belastung.

Dass sich bei Kindern im Alter von Ripfumelo Resistenzen gegen die HIV-Therapie entwickeln, sei leider keine Seltenheit, sagt Dr. Kevin Mawana. «In der Pubertät nehmen viele Kinder die Medikamente nicht mehr regelmässig und es kommt zu Mutationen in den Viren, es bilden sich Resistenzen. Man muss in diesem Fall möglichst rasch auf eine andere Kombination von Wirkstoffen ausweichen.» Diese Second-Line-Therapie ist jedoch deutlich teurer und fehlt daher oft in den Gesundheitszentren und Spitälern im Süden des Landes.

Die letzte Meile

Simbabwe hat grosse Fortschritte bei der Bekämpfung von HIV gemacht. Doch die sogenannte letzte Meile bleibt in weiten Teilen des ländlichen Afrikas steinig. Aber genau dort ist HIV besonders häufig verbreitet. SolidarMed legt daher den Fokus auf die abgelegensten Gegenden des Landes. Dank diesen Bemühungen ist eine HIV-Therapie nun auch in den ländlichen Distrikten Zaka und Bikita allen Betroffenen zugänglich. Schwangere werden standardmässig auf das Virus getestet und bei einer Infektion sofort behandelt. «Während der Schwangerschaft erhalten sie die hochwirksame antiretrovirale Therapie, deren Wirkstoffe die Virenlast innert weniger Wochen soweit senkt, dass die Viren nicht mehr nachweisbar sind», erklärt der Arzt Jochen Ehmer, Geschäftsleiter von SolidarMed. Dies verhindert die Ansteckung des Kindes während der Schwangerschaft und der Geburt, und später auch über die Muttermilch.

Termine per SMS

Eine erfolgreiche und nachhaltige HIV-Behandlung erfordert die regelmässige Überwachung der Betroffenen. So wie Ripfumelo müssen Betroffene einmal pro Jahr zur sogenannten Viruslastmessung ins Spital eingeladen werden, um die Zahl der Viren im Körper und damit die Wirksamkeit der Therapie zu messen. Bei auftretenden Resistenzen kann schnell auf andere Medikamente um-gestellt werden. In Simbabwe unterstützt SolidarMed diese Überwachung der Betroffenen in der Provinz Masvingo. SolidarMed stellt auch die Ausbildung des Pflegepersonals in abgelegenen Gesundheitszentren sicher.

Gemeinsam mit lokalen Programmierern entwickelte SolidarMed das SMS-System INYASHA*. Resultate einer Untersuchung können per SMS direkt an die Betroffenen übermittelt werden. Oder – wie bei Ripfumelo – die Patient/in zu einem nächsten Untersuchungstermin einladen. Die Viruslast-Messungen, die SolidarMed als neuen Standard zur Überwachung des Therapieerfolgs einführte, ermöglicht alle Patient/innen, auch die Kinder, einmal jährlich zu testen, um die Wirksamkeit der Therapie zu überwachen. So wurde die Resistenz bei Ripfumelo gerade noch rechtzeitig entdeckt, um auf die zweite Therapielinie auszuweichen, die ihm das Leben rettet.

Allen die Therapie ermöglichen

In den letzten drei Jahrzehnten starben über 37 Millionen Menschen an der Immunschwächekrankheit Aids, die durch das HI-Virus ausgelöst wird. HIV/Aids gehört damit zu den tödlichsten Infektionskrankheiten. Wirksame Therapien sind heute zum Glück breit verfügbar. Es bleibt allerdings eine enorme Herausforderung, Betroffene in abgelegenen Regionen dieser Welt zu erreichen und zu begleiten. Der Handlungsbedarf ist sehr hoch. SolidarMed wird sich darum weiterhin stark in der HIV-Behandlung im südlichen Afrika engagieren.