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Im Dienste der Gesundheit

17.08.2021

Die Dichte an Gesundheitseinrichtungen ist besonders in ländlichen Gebieten Afrikas gering. Um die Menschen in den Dörfern dennoch über Gesundheitsthemen aufzuklären und ihnen in medizinischen Fragen beiseitezustehen, werden Dorfgesundheitsberatende eingesetzt.

Der Dorfgesundheitsberater Manfred (rechts) bei einem Besuch der Familie von Abbas Nalole (Mitte) and Amida Nachucha (links). Foto: Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture

Tansania Amida Nachucha erzählt ihre Geschichte mit glänzenden Augen. Sie und ihr Mann konnten es damals vor knapp sieben Jahren nicht glauben, dass ihr zwei Monate zu früh geborener Junge Rajabu eine Überlebenschance hat. In ihrer Gesellschaft bedeutet eine Frühgeburt ein grosses Risiko, das Kind zu verlieren. Der Glaube ist weitverbreitet, dass eine Frühgeburt Unglück über die ganze Familie bringt. Amida und ihr Mann Abbas waren zutiefst traurig und stellten sich auf das Schlimmste ein. Nach ein paar Tagen im Gesundheitszentrum bekamen sie Besuch von Manfred Pius Lyoga, einem Dorfgesundheitsberater. «Manfred hat mir gezeigt, wie ich mein Baby direkt an meinen Oberkörper halten soll – Haut an Haut. Dies soll dem Kleinen beim Überleben helfen»,
berichtet Amida. Leider gab es zu der Zeit noch keine Känguru-Mutterpflege-Station wie heute und von SolidarMed aufgebaut. Manfred konnte dem Baby auch sonst helfen. «Er hat uns beide darin bestärkt, dass unser Junge überleben wird und hat uns genau gezeigt, wie wir mit ihm umgehen sollen – beispielsweise auch das Stillen.» Amida, ihr Mann und alle anderen im Dorf konnten es kaum glauben, dass der einst viel zu früh geborene Rajabu sich prächtig entwickelte. Ohne den Dorfgesundheitsberatenden hätte der Kleine vielleicht nicht überlebt und wäre jetzt wohl kaum ein fröhlicher Schuljunge.

Obwohl grosse Fortschritte bei der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung einiger Länder, wie auch Tansania, innerhalb der letzten Jahrzehnte erzielt wurden, ist sie für schwangere Frauen und Neugeborene weiterhin unzureichend. Die Anzahl von Fehlgeburten
sowie die Mütter- und Säuglingssterblichkeit bleiben hoch. SolidarMed setzt sich deshalb dafür ein, die medizinische Grundversorgung mit einem Fokus auf diese vulnerablen Personengruppen zu stärken. Dabei spielen Aktivitäten im Dorf eine grosse Rolle.

Die Dorfgesundheitsberatende Rehema Hyettu unterrichtet 116 Frauen zu Themen wie Kinderbetreuung. (Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Manfred Pius Lyoga ist Dorfgesundheitsberatender im Ulanga Distrikt, Tansania.(Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Rehema Hyettu berät Mütter über das Wachstum von Kindern unter fünf Jahren. (Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Dorfgesundheitsberatende Richard Mshimika und Rehema Hyettu bei einem Dorfbesuch.(Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Als Dorfgesundheitsberatender kümmert sich Manfred Pius Lyoga auch um Familien. (Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Mütter kommen mit ihren Kleinkindern zu Informationsveranstaltungen über Gesundheitsthemen, die der Dorfgesundheitsberatende Richard Mshimika anbietet. (Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Rehema Hyettu schult Frauen an ihren Wohnorten zum Thema Gesundheit. (Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture)

Verbindung zum Gesundheitssystem

Dorfgesundheitsberatende wie Manfred sind Mitglieder der Gemeinschaft, die mit elementarem, einfachem Wissen und mit Material und Instrumenten ausgestattet sind, um die Aktivitäten im Dorf ausführen zu können. Da sie meistens direkt aus ihrer Gemeinschaft stammen und auch von ihr gewählt werden, geniessen sie eine hohe Akzeptanz und bringen das nötige kulturelle Bewusstsein mit. Sie stellen die wichtige Verbindung der oft sehr abgelegenen Dörfer zum Gesundheitssystem dar. Gleichzeitig fördern sie die Prävention von Krankheiten, indem sie die Menschen zu verschiedenen Gesundheitsthemen sensibilisieren. Oft bauen sie Vorurteile über die Schulmedizin bei den Menschen ab und können so beispielsweise die Akzeptanz von Schwangerschaftskontrollen oder der korrekten Versorgung von Frühgeborenen festigen. Besonders angesichts des massiven Mangels an Gesundheitsfachkräften in Afrika und der sehr ungleichen geografischen Verteilung sind Dorfgesundheitsberatende unentbehrliche Stützen für eine bessere Gesundheitsversorgung geworden.

Mosambik Auch im ländlichen und abgelegenen Distrikt Namuno in Mosambik geniessen traditionelle Geburtshelfende grossen Respekt. Auch sie sind direkt aus der Dorfgemeinschaft ausgewählt. Ihre Aufgabe ist es, schwangere Frauen aus ihrem Dorf an die regelmässigen Kontrollen und zur Geburt zu begleiten. Das ist oft eine aufwändige Arbeit, die nicht von den Gesundheitsbehörden entschädigt wird. Und dennoch stellt sich Maria Mussa (38) seit mehr als zehn Jahren dieser wichtigen Aufgabe. In der Regenzeit ist es besonders schwierig, das nächste Gesundheitszentrum in Namuno zu erreichen. Ein Fluss liegt unüberwindbar dazwischen. Deshalb muss sie die schwangeren Frauen auf ihrem Fahrrad ins weiter abgelegene Ncumpe transportieren. Auch hat sie schon mehrmals Frauen mit schweren Komplikationen ins drei Stunden entfernte Spital von Montepuez begleitet, um sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein zu lassen, wenn die Familie nicht anwesend sein konnte. Maria ist ein grosses Vorbild für andere traditionelle Geburtshelfende. Bei einem Treffen, welches von den Distriktgesundheitsbehörden zusammen mit SolidarMed organisiert wurde, erhielt sie im Jahr 2020 für ihre wichtige Tätigkeit eine Auszeichnung. Sie begleitete im ganzen Jahr 77 Frauen bei der Geburt ihrer Babys und stellte in diesem wichtigen Moment die medizinische Betreuung sicher.

Dorfgesundheitsberatende informieren beispielsweise Mütter über die Hygiene, die Ernährung und Wichtigkeit von Impfungen von ihren Kindern, wie hier im Ulanga-Distrikt in Tansania. Foto: Roshni Lodhia/SolidarMed/fairpicture

Stärkung psychischer Gesundheit

Simbabwe Violet Machokoto begann ihre Reise als Dorfgesundheitsberatende im Jahr 2015. Sie war eine der wenigen, die das Vertrauen der Gemeinschaft in ihrem Gebiet bekam, und nahm an einem sechswöchigen Training für Dorfgesundheitshelfende teil. Um die psychische Gesundheitsversorgung zu fördern und die Gesundheitseinrichtungen zu entlasten, unterstützt SolidarMed seit 2019 die Einführung der sogenannten Friendship-Bench-Initiative im Bezirk Zaka, Provinz Masvingo. Dabei werden Dorfgesundheitsberatende geschult, Individuen bei den häufigsten psychischen Störungen zu beraten. Violet wurde ausgewählt, um diese zusätzliche Ausbildung zu erhalten. Deshalb berät sie Menschen mit psychischen Problemen, da es sonst keine psychologischen Angebote gibt. Bei dieser Arbeit hatte sie schon einige sehr ermutigende und herzerwärmende Momente, bei denen sie Menschen massgeblich in ihrem Leben unterstützen konnte. Wie zum Beispiel bei Sarudzai *, einer älteren Frau, die ihre Schwiegertochter verloren hatte und mit sechs Enkelkindern allein zurückblieb. Der Vater der Kinder war nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Deshalb lag die ganze Last auf den Schultern der Grossmutter. Violet Machokoto hörte Sarudzai zu und zusammen erörterten sie alle Probleme, um Lösungen dafür zu finden. Violet konnte die Grossmutter ermuntern, sich einer Gartenbaukooperative anzuschliessen. So konnte sie die nötigen Mittel für die Lebensmittel, Ausbildung und Gesundheitsversorgung der Kinder auftreiben. Die enorme psychische Belastung wurde kleiner und Sarudzai ist glücklicher.

 

Potenzial ausschöpfen

Aber nicht nur das Leben der Dorfgemeinschaft kann sich durch die Arbeit der Dorfgesundheitsberatenden verbessern, auch sie selbst können persönlich eine positive Transformation erleben. «Ich bin nun in der Lage, Projekte zu planen und umzusetzen, was ich vorher nicht konnte. Auch besitze ich jetzt ein grosses Selbstbewusstsein. Ich habe gelernt, vor einem grösseren Publikum zu sprechen und Positives für die Gemeinschaft erbringen zu können», sagt Violet Machokoto. Die Geschichten aus Tansania, Mosambik und Simbabwe zeigen, wie wichtig die Arbeit von Dorfgesundheitsberatenden ist. Sie schliessen in verschiedenen Bereichen die Lücken in der Gesundheitsversorgung und tragen zum Wohle ihrer Gemeinschaften bei. Obwohl Dorfgesundheitsberatende weltweit in vielen verschiedenen Ländern seit über 50 Jahren eingesetzt werden, ist ihr Potenzial noch immer nicht ausgeschöpft. Dieses Potenzial wird SolidarMed in mehreren Partnerländern weiterhin fördern. Weiterbildungen, Unterstützung bei Methoden der Datenerhebung oder Hilfe bei der Koordination sind dabei feste Eckpfeiler. So tragen diese wichtigen Bindeglieder zwischen Dorfgemeinschaften und Gesundheitssystem weiterhin zu einer verbesserten Gesundheitsversorgungbei und ermöglichen Kindern wie dem Jungen Rajabu ein gesundes Leben.

* Name von der Redaktion geändert.

Bei der von SolidarMed unterstützten Friendship-Bench-Initiative in Simbabwe helfen Dorfgesundheitsberatende Mitmenschen bei psychischen Problemen. zvg

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