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Neue Gefahr, bewährtes Mittel

22.08.2022

Auch in Lesotho leiden immer mehr Menschen an chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt schult SolidarMed über hundert Dorfgesundheitsberater:innen, damit Menschen in abgelegenen Dörfern Zugang zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung erhalten.

Dorfgesundheitsberatende unterwegs in die abgelegenen Dörfer von Butha-Buthe.

Lesotho Die häufigste Todesursache in Lesotho bleibt HIV/Aids. Doch in den letzten 20 Jahren ist der Anteil verhältnismässig deutlich gesunken, denn die meisten HIV-infizierten Patient:innen erhalten Medikamente und werdenmedizinisch gut betreut. Bei chronischen, nicht-übertragbaren Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck ist das leider nicht der Fall. 

«Dem Gesundheitspersonal fehlt es an aktuellem Wissen und Ausrüstung, um auch diese Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln», erklärt Gesundheitsspezialist Thabo Lejone aus Lesotho. Entsprechende Medikamente und Therapien seien selten vorhanden und sehr teuer. Und Vorsorgeuntersuchungen finden kaum statt. «Viele Menschen wissen daher gar nicht, dass sie erkrankt sind.»

In Lesotho leiden immer mehr Menschen an nicht-übertragbaren Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck.

Dorfgesundheitsberater:innen können neu Bluthochdruck und Diabetes diagnostizieren.

Sehschwächen können ein Anzeichen von Diabetes sein. Dorfbewohner:innen erhalten daher eine Augenuntersuchung.

So erging es beispielsweise Chabeli Mokone*. Die 61-Jährige lebt mit ihren Kindern, Schwiegertöchtern und Enkelkindern in Muela, einem abgelegenen Dorf im Norden von Lesotho. Dort züchtet sie Schweine und baut Mais an. Erst seit Februar 2022 weiss sie, dass sie an Diabetes leidet. Damals testete Dorfgesundheitsberater Fanroi Morobe   im Auftrag von SolidarMed die Bewohner:innen seines Dorfes auf Bluthochdruck und Diabetes. Er erzählt: «Der Blutdruck von Chabeli Mokone war in Ordnung, doch ihr Blutzuckerwert war mit 21 mmol/Liter viel zu hoch.» Bei gesunden Menschen liegt der Wert unter 8 mmol/Liter. Damit war klar: Die 61-jährige Bewohnerin leidet an Typ-2-Diabetes, dem sogenannten Altersdiabetes. 

«Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie erkrankt sind.»

Thabo Lejone, Gesundheitsspezialist in Lesotho

Dass Chabeli Mokone bisher keine Symptome wahrgenommen hat, ist typisch für diese Erkrankung: Schwindel, Sehstörungen oder schlecht heilende Wunden treten – wenn überhaupt – erst nach einiger Zeit auf. Doch auch ohne Symptome erhöht sich das Risiko für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall und eine chronische Nierenerkrankung stark. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sind daher entscheidend.

Keine Wohlstandskrankheit

Wie Chabeli Mokone leiden in Lesotho immer mehr Menschen an nicht-übertragbaren Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck. So sind Schlaganfälle als Folge von kardiovaskulären Erkrankungen hinter HIV/Aids und Lungenentzündungen mittlerweile die dritthäufigste Todesursache. Vor 20 Jahren waren sie noch auf Platz fünf.

Die Gründe für diese Zunahme sind vielseitig: Einerseits werden die Menschen in Lesotho heutzutage im Durchschnitt etwas älter, auch weil HIV/Aids besser behandelbar ist als früher. Andererseits sind immer mehr Leute übergewichtig. Was man in Ländern wie der Schweiz als Wohlstandskrankheit betitelt, ist in Lesotho grösstenteils armutsbedingt. Ungesunde, einseitige Nahrungsmittel wie Süssgetränke und stark verarbeitete Lebensmittel sind oftmals erschwinglicher als gesundes, ausgewogenes Essen. Ausserdem sind sich die Menschen der Folgen von ungesunder Ernährung, Übergewicht oder Bewegungsmangel oft nicht bewusst.

«Nicht-übertragbaren Krankheiten muss dringend mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.»

Felix Gerber, Forscher bei ComBaCaL

«Wie auch?», fragt Felix Gerber. Er studierte in Basel Medizin und forscht in Lesotho zu nicht-übertragbaren Krankheiten. «Das Gesundheitspersonal weiss ja selbst kaum Bescheid, also werden die Leute auch nicht sensibilisiert», sagt er. Gerade weil der Zugang zu Medikamenten und Therapien im ländlichen Lesotho stark eingeschränkt ist, wäre Prävention aber umso wichtiger. «Diesen Krankheiten muss dringend mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden», sagt der junge Arzt.

Im Dorf medizinisch versorgt

Aus diesem Grund führt SolidarMed zusammen mit dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), dem Gesundheitsministerium Lesotho, der Universität Zürich und der Nationalen Universität von Lesotho ein mehrjähriges Projekt namens ComBaCaL (Community-Based Chronic Care Lesotho) durch. Ziel ist, dass die Menschen besser Bescheid wissen, wie sie Diabetes und Bluthochdruck durch Bewegung und gesunde Ernährung vorbeugen können. Weiter sollen sie bei Bedarf Zugang zu medizinischer Behandlung erhalten. Teil des Projekts sind daher Schulungen des Gesundheitspersonals, die Anpassung der Behandlungsrichtlinien sowie die Versorgung mit medizinischer Ausrüstung und Medikamenten.

Das Projekt ist auch ein Forschungsprojekt. In einer ersten Phase klärt das Team die tatsächliche Verbreitung von Diabetes und Bluthochdruck in den Bergdistrikten Butha-Buthe und Mokhotlong im Norden von Lesotho. Das dient als Grundlage, um in Absprache mit den Behörden möglichst angemessen auf die Zunahme an nicht-übertragbaren Krankheiten reagieren zu können. Erste Ergebnisse der Datenerhebung zeigen: Ähnlich wie die 61-jährige Chabeli Mokone wissen längst nicht alle Menschen von ihrer Krankheit. Andere wissen es zwar, aber sie werden nicht oder nur unzureichend behandelt.

Als zentrale Komponente des Projekts rekrutiert und schult das ComBaCaL-Team Dorfgesundheitsberater:innen wie Moshe Posholi: Sie lernen, wie man den Blutdruck misst, Blutzuckerwerte bestimmt, Medikamente verschreibt und deren mögliche Nebenwirkungen erkennt. Eine digitale App auf Tablet-Computern unterstützt sie dabei. Die App führt die Gesundheitsberater:innen durch alle Diagnoseschritte, schlägt Termine für Folgekonsultationen vor und hilft beim Verschreiben von Medikamenten. Die Berater:innen lernen auch, wie sie die Dorfbevölkerung zu gesunder Ernährung und Bewegung sensibilisieren können.
 

Auf frühere Erfolge aufbauen

In den nächsten drei Jahren werden insgesamt über 100 solche Dorfgesundheitsberater:innen in Butha-Buthe und Mokhotlong die Menschen zuhause sensibilisieren, testen und ihnen bei Bedarf Zugang zu Behandlung verschaffen. In einer Testgruppe und einer Hauptstudie werden dabei verschiedene Ansätze miteinander verglichen.

Eine solche Versorgung durch Dorfgesundheitsberater:innen ist nicht neu: In Lesotho wird der Ansatz seit einigen Jahren im Bereich HIV/Aids angewendet und hat wesentlich zur Eindämmung der Epidemie beigetragen. Die Dorfgesundheitsberater:innen erreichen so deutlich mehr Leute, als wenn diese den weiten Weg ins Gesundheitszentrum auf sich nehmen müssten. Diese positive Erfahrung soll nun auch bei Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck helfen, die ohne Vorsorgeuntersuchungen lange unerkannt bleiben würden.

Auch bei der Versorgung der Patient:innen mit Medikamenten nehmen die Dorfgesundheitsberater:innen eine wichtige Rolle ein. So begleitete Fanroi Morobe die Dorfbewohnerin Chabeli Mokone am Tag nach der Messung des hohen Blutzuckerwertes zu Fuss ins nächstgelegene Gesundheitszentrum, das zehn Kilometer entfernt liegt. Dort bestätigten die ebenfalls neu geschulten Fachkräfte die Diagnose eines Typ-2-Diabetes und verschrieben der 61-Jährigen das Medikament Metformin. Insgesamt 23 Gesundheitsinstitutionen in den beiden Distrikten schulte SolidarMed in den letzten Monaten spezifisch in der Diagnose und Behandlung von chronischen, nicht-übertragbaren Erkrankungen.

In den nächsten drei Jahren werden insgesamt über 100 solche Dorfgesundheitsberater:innen in den abgelegenen Distrikten Butha-Buthe und Mokhotlong im Einsatz sein.

Langfristig soll die Behandlung von Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder psychischen Erkrankungen fixer Bestandteil des staatlich unterstützten Systems der Dorfgesundheitsberater:innen werden.

Eine digitale App auf Tablet-Computern unterstützt die Dorfgesundheitsberatenden bei Untersuchung und Diagnose. 

Seit dem begleiteten Besuch im Gesundheitszentrum kann sich Chabeli Mokone den weiten Weg sparen; ihr Diabetes-Medikament kann sie nun direkt beim Dorfgesundheitsberater Fanroi Morobe beziehen. Im Mai 2022, drei Monate nach ihrer Erstdiagnose, hat sich ihr Blutzuckerwert bereits auf 7,4 mmol/L gesenkt – ein guter Wert.

Die Erhebung der Daten in den ersten Monaten des Projekts und die nachfolgende Betreuung von Menschen mit chronischen Erkrankungen im Dorf bedeutet allerdings einen Mehraufwand für die Dorfgesundheitsberater:innen. Sie erhalten daher während der vierjährigen Projektphase über SolidarMed einen Zustupf zum bescheidenen Lohn, den sie vom Gesundheitsministerium für ihre Arbeit erhalten. Zusätzlich werden die Berater:innen über die nächsten Monate darin geschult, nebst der Aufgabe als Dorfgesundheitsberater:innen ein stabiles Einkommen zu erwirtschaften. So können sie auch längerfristig in ihren Dörfern tätig sein, wo sie die Patient:innen kennen. Das ComBaCaL-Team untersucht derzeit, welche Geschäftszweige dafür infrage kommen.

Auf die politische Agenda bringen

Wie bei allen Projekten ist die enge Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden unerlässlich. SolidarMed ist auch auf dieser Ebene ein etablierter und enger Partner. Beispielsweise fehlten in Lesotho bisher einheitliche Richtlinien zur Diagnose und Behandlung von chronischen, nicht-übertragbaren Krankheiten. Auch gab es keine nationalen Datenbanken oder Vorlagen für das Verfassen von Berichten. Das ComBaCaL-Team erstellt daher zusammen mit dem Nationalen Programm für chronische Krankheiten Richtlinien für eine verbesserte Diagnose und Behandlung. Sie werden in den kommenden Monaten zuerst auf Distriktebene eingeführt und dann dem Gesundheitsministerium vorgestellt. Aufgrund der erhobenen Daten zur Verbreitung dieser Krankheiten im Land sollten die Gesundheitsbehörden ausserdem in der Lage sein, notwendige Mittel bereitzustellen und dadurch das Gesundheitspersonal und die Betroffenen besser zu unterstützen.

Das ComBaCaL-Projekt wird also wichtige Erkenntnisse zu einer besseren Vorbeugung, Erkennung und Versorgung von nicht-übertragbaren Krankheiten in Lesotho und darüber hinaus liefern. Es ist ein wichtiger Schritt im Engagement gegen die Zunahme dieser Krankheiten im südlichen Afrika.

*Name von der Redaktion geändert.


Dorfgesundheitsberatende als wichtiges Bindeglied

Erfahren Sie wie SolidarMed in besonders ländlichen Gebieten Afrikas mithilfe von Dorfgesundheitsberatenden Menschen über Gesundheitsthemen aufklärt und beiseitesteht.

Unser aktuelles Fokus

SolidarMed Fokus 22/3

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