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Farbkarten retten Kinderleben

03.06.2022

In Notfallstationen im Norden Mosambiks kommt es oft zu langen Wartezeiten. Dank der Unterstützung von SolidarMed erhalten Kinder in vier Gesundheitseinrichtungen bei der Ankunft eine Farbkarte. Jene in lebensbedrohlichen Situationen werden dadurch schneller behandelt als weniger dringliche Fälle und haben bessere Überlebenschancen als zuvor.

Die Kindersterblichkeitsrate in Mosambik ist nach wie vor hoch: 74 von 1’000 Kindern erleben ihren fünften Geburtstag nicht. Als Vergleich: In der Schweiz sind es vier von 1’000. Haupttodesursache bei Kindern in Mosambik ist Malaria. Vor allem für Kinder mit bestehenden Gesundheitsproblemen wie Blutarmut und Mangelernährung kann eine Infektion mit Malaria rasch lebensbedrohlich werden. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich unter Umständen innert Stunden, weshalb eine rasche Behandlung wichtig ist. Trotzdem werden an den meisten Gesundheitseinrichtungen Mosambiks die Patient:innen in der Reihenfolge ihrer Ankunft behandelt, ungeachtet ihres Gesundheitszustandes. In den überfüllten Warteräumen bedeutet das eine Wartezeit von oftmals mehreren Stunden. 

Mitarbeiter José Cardeal erklärt im Gesundheitszentrum Chiúre den Eltern das Prinzip der Farbkarten. rf

Im Ausbildungszentrum für Gesundheit in Pemba lernen angehende Pflegefachkräfte die Bedeutung der verschiedenen Farbkarten kennen. rf

Vor allem für Kinder kommt die Behandlung unter Umständen zu spät. «Wir haben gesehen, dass erschreckend viele Kinder innerhalb der ersten 24 Stunden nach Ankunft im Spital sterben», erklärt Riccardo Lazzaro, Projektleiter von SolidarMed in Mosambik. «Da besteht also grosser Bedarf für Verbesserungen des Status Quo.»

Vier Spitäler und Gesundheitszentren im Norden Mosambiks machen es anders. Mit Unterstützung von SolidarMed haben sie in den letzten vier Jahren ein international anerkanntes Farbsystem eingeführt. Seither erfolgt die Behandlung nicht mehr der Reihe nach, sondern nach der jeweiligen Dringlichkeit. Hierzu befragt und begutachtet das Empfangspersonal der Gesundheitseinrichtung die ankommenden Patient:innen und vergibt den Kindern eine Farbkarte. Rot bedeutet höchste Priorität, gelb bedeutet mittlere Priorität, und eine grüne Karte erhalten Kinder, bei denen keine Verschlechterung des Zustandes zu erwarten ist. Sie müssen sich gedulden, bis sie an der Reihe sind. An den grösseren Spitälern gibt es teilweise noch zwei weitere Abstufungen.

Eine Farbe entscheidet über Leben und Tod

Eine orange Karte – die zweithöchste Stufe – erhielt beispielsweise der elf Monate alte Gilberto. Die Pfleger:innen im benachbarten Gesundheitszentrum Mahate hatten ihn ans Provinzspital in Pemba verwiesen, weil er Fieber und schmerzhafte Wunden auf der Zunge hatte. Zudem hatte er viel Gewicht verloren: Er wog nur noch 4,6 Kilogramm und konnte nicht mehr krabbeln. Den Rezeptionist:innen des Spitals war klar: Die Behandlung ist dringend, vor allem musste der Verdacht auf Malaria geklärt werden.

Damit das Empfangspersonal über das notwendige Fachwissen verfügt, um eine solche medizinische Ersteinschätzung zu machen, erhalten sie von SolidarMed zuerst eine längere Schulung und danach alle drei Monate Auffrischungskurse. Die Wirkung dieses verhältnismässig kleinen Aufwandes ist gross: Die Rezeptionist:innen sind danach in der Lage, Notfälle rechtzeitig zu erkennen und die Farbkarten entsprechend zu vergeben. Sie bilden damit das Rückgrat des Farbsystems und entlasten die Gesundheitseinrichtungen, wo ein akuter Mangel an medizinischen Fachleuten herrscht.

«Erschreckend viele Kinder sterben innerhalb der ersten 24 Stunden nach Ankunft im Spital.»

Riccardo Lazzaro, Projektleiter

Abhilfe schaffen auch die baulichen Anpassungen im Wartebereich, die SolidarMed bei Bedarf finanziert. Sie dienen dazu, den hohen Andrang an wartenden Menschen besser zu regeln und die Art und Reihenfolge der Behandlung entsprechend den Farbkarten zu organisieren.

Doch neben der raschen Behandlung ist auch die Qualität der Behandlung und die Verfügbarkeit von Material entscheidend. So müssen die Notfallärzt:innen beispielsweise wissen, wie sie Kindern mit akuter Atemnot helfen können, es braucht ein hauseigenes Labor, um Malaria-Tests rasch auszuwerten, und es braucht genügend Einweghandschuhe und Verbandsmaterial. An allen unterstützten Gesundheitseinrichtungen führt SolidarMed deshalb für das Gesundheitspersonal Trainings beziehungsweise Wiederholungstrainings in der Notfallbehandlung durch und beschafft je nachdem fehlende medizinische Ausrüstung. So wird sichergestellt, dass Kinder im Notfall nicht nur rasch, sondern auch qualitativ gut betreut werden.

Der Zeitpunkt entscheidet – bereits zuhause

Dank der orangen Karte wurde Gilberto rasch behandelt. Die Ärzt:innen des Provinzspitals führten einen Malaria- und Tuberkulosetest durch, die glücklicherweise beide negativ waren. Schliesslich lautete die Diagnose: schwere akute Mangelernährung und eine Pilzinfektion im Mund. Der Junge erhielt sofort therapeutische Nahrung, Schmerzmittel und einen pilztötenden Sirup. Nach ein paar Tagen ging es ihm deutlich besser: Das Fieber verschwand und er hatte wieder Appetit. Die vollständige Heilung wird noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen, aber die kritischsten Phasen, in denen man schnell handeln muss, liegen hinter ihm.

Andere Kinder hatten weniger Glück. Denn manche erreichen das Spital erst in einem so kritischen Zustand, dass selbst die rasche Behandlung zu spät kommt. Deshalb ist es wichtig, Eltern dafür zu sensibilisieren, ihre Kinder beispielsweise bei hohem Fieber möglichst rasch ins Spital zu bringen. Hierzu schult SolidarMed Dorfgesundheitsberater:innen in der Erkennung von wichtigen Krankheitssymptomen. So können sie die Eltern beraten und bei Bedarf einen raschen Spitalbesuch empfehlen.

Damit alle Patient:innen und ihre Bezugspersonen Bescheid wissen über das Prinzip der Farbkarten, hat SolidarMed ein Video mit Laien-Schauspieler:innen erstellt. Es wird nun in der lokalen Sprache Makua mit portugiesischen Untertiteln auf Bildschirmen in den Warteräumen gezeigt. Zusätzlich ist ein Radioprogramm geplant, damit auch die Leute in den umliegenden Dörfern Bescheid wissen.

Den Erfolg weitersagen

Angefangen hat SolidarMed mit dem Projekt im Jahr 2016 im Distriktspital Chiúre. Danach folgten die Gesundheitseinrichtungen in Namuno, Metoro und Pemba. Im Jahr 2022 unterstützt SolidarMed zwei weitere Gesundheitseinrichtungen bei der Einführung des Farbsystems und bei der Schulung des Personals.

Auch dort sollen in Zukunft Kinder im Notfall prioritär behandelt werden. «Wir legen dabei weiterhin Wert darauf, den Effekt der Massnahmen zu messen», erklärt Projektleiter Riccardo Lazzaro. «So können wir den Behörden längerfristig Empfehlungen geben, wie das System im grösseren Stil eingeführt werden könnte. Ich bin überzeugt: Die Wirkung davon wäre riesig.»

Bereits jetzt hat die Arbeit von SolidarMed dazu beigetragen, dass die nationalen und provinzialen Gesundheitsbehörden die verbesserte Notfallbehandlung von Kindern 2019 zur Priorität erklärten, und dass das Gesundheitsministerium das Farbsystem in seine nationale Strategie aufnahm. Das Team rund um Riccardo Lazzaro unterstützt die Behörden nun dabei, konkrete Massnahmen zu treffen und das System in diversen Gesundheitseinrichtungen einzuführen. Hierzu hilft SolidarMed dem Gesundheitsministerium bei der Verbreitung des neuen Handbuchs über das Triage-System mittels Farbkarten («manual de triage para as urgencias»), an dem SolidarMed letztes Jahr mitgewirkt hat. Ausserdem unterstützt SolidarMed das Ausbildungszentrum für Gesundheit in Pemba bei der Ausarbeitung eines adaptierten Lehrplans und führt erste Pilotkurse durch. Später werden die Ergebnisse dem Gesundheitsministerium präsentiert, um eine Aufnahme des Trainings in den regulären Lehrplan zu erreichen.

Durch diese Massnahmen werden in Zukunft noch weitere Gesundheitseinrichtungen das Farbsystem und alles, was dazu gehört, einführen können – ohne direkte Unterstützung von SolidarMed.

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SolidarMed setzt sich für die Gesundheit von Neugeborenen, Müttern und Jugendlichen ein. Wir unterstützen die Behörden mit vielfältigen Initiativen dabei, die medizinische Grundversorgung im Norden Mosambiks zu verbessern. 

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