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Über eine halbe Million Menschen in Mosambik auf der Flucht

18.02.2021

Über eine halbe Million Menschen versuchen sich vor den terroristischen Anschlägen in Mosambiks nördlichster Provinz Cabo Delgado in Sicherheit zu bringen. Sie lassen ihr Hab und Gut hinter sich und bewegen sich voller Ungewissheit Richtung Süden, in eine Gegend, in der es auch der ansässigen Bevölkerung bereits am Nötigsten fehlt.

Terror in Mosambik

Die humanitäre Krise im Norden Mosambiks trifft die Ärmsten der Armen.

Mosambik kommt nicht zur Ruhe

Mosambik - das Land der Krisen am indischen Ozean ist seit seiner Unabhängigkeit 1975 geprägt von Instabilität. Zwei Jahre später begann ein über 10 Jahre andauernder, blutiger Bürgerkrieg. Als ob dies noch nicht genug wäre, wurde Mosambik über die letzten paar Jahrzehnte hinweg immer wieder von Naturkatastrophen, wie etwa 2019 von den verheerenden Wirbelstürme Idai und Kenneth, heimgesucht.

Die Nordprovinz Cabo Delgado steht aufgrund der 2010 entdeckten, aktuell grössten Flüssiggasreserven Afrikas, im Fokus der internationalen Geopolitik. Doch den internationalen Konzernen, die in die gigantische Reserven investieren wollen, kommt nun Terror in die Quere. Seit mehr als drei Jahren richten Gruppierungen ihre Attacken gegen die Zivilbevölkerung. 

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Eine neue Welle der Gewalt überrollt Nordmosambik

Seit Oktober 2017 sind die nördlichen und zentralen Küstenbezirke Cabo Delgados tödlicher Gewalt durch Gruppierungen ausgesetzt. Diese terrorisieren Dörfer mit Überfällen, Enthauptungen und der Plünderung von Lebensmitteln und Eigentum. Laut Hochkommissariat für Flüchtlinge UNHCR wurden bereits mehr als 2’000 Menschen Opfer dieser Anschläge. Strategisch wichtige Transportrouten und Orte sind inzwischen unter Kontrolle der Rebellen. Darunter leidet die schon zuvor von Wirbelstürmen, Hunger und schwacher Gesundheitsversorgung stark gebeutelte Bevölkerung. Während davon ausgegangen wird, dass einige der Rebellen ausländischer Herkunft sind, handelt es sich bei vielen um junge Leute mit guten regionalen Ortskenntnissen, die sich den Reihen der Aufständischen angeschlossen haben. Ebendiese jungen Leute haben schlicht keine Perspektiven. Es wurde ihnen von verschiedenen Seiten Arbeit versprochen, eine bessere Zukunft vor Augen gehalten. Aber die Zyklone, Dürre und die sowieso schon grosse Armut führten dazu, dass diese Versprechen sich nicht erfüllten und sich eine grosse Perspektivlosigkeit breit machte.

Bis Dezember 2020 flohen fast eine halbe Million Menschen (rund ein Viertel der Bevölkerung von Cabo Delgado) aus ihren Dörfern im Norden der Provinz Cabo Delgado ins Landesinnere und die südlichen Gebiete der Provinz, sowie in die benachbarten Provinzen Nampula und Niassa. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Frauen, fast 15'000 von ihnen sind schwanger, und brauchen dringend medizinische Versorgung. Doch 36 Prozent der Gesundheitseinrichtungen in der gesamten Provinz wurden beschädigt oder gar zerstört. Darüber hinaus müssen Mädchen und Frauen in dauernder Angst leben, entführt, vergewaltigt oder zur Heirat oder Prostitution gezwungen zu werden.

Eine Seniorin spaziert durch ein Dorf im Distrikt Ancuabe. Christian Heuss

Eine Streusiedlung im Distrikt Ancuabe innerhalb der Provinz Cabo Delgado. Carine Pin

Eine Gruppe von Kindern in einem Dorf im Distrikt Chiúre. Maurice Haas

Eine Familie vor ihrem Lehmhaus im Distrikt Chiúre. Maurice Haas

Ein Mann durchquert eine Ortschaft im Distrikt Chiúre mit dem Fahrrad. Maurice Haas

Die vergessenen Menschen aus Cabo Delgado

Der nördlichste Teil der Provinz Cabo Delgado ist von einem Vorkommen verschiedener natürlicher Ressourcen, wie Grafit, Erdöl und Erdgas sowie Rubinen, reich gesegnet. Diese Tatsache spielt keine unwesentliche Rolle in einem der komplexesten und vielschichtigsten Konflikte, der aktuell das Leben von Millionen von Menschen beeinträchtigt.

Seit dem Erlangen der Unabhängigkeit 1975 erfuhren die Menschen aus der Provinz Cabo Delgado nur wenig Aufmerksamkeit. Ihre wirtschaftlichen und sozialen Rechte wurden spärlich geschützt, gefördert und erfüllt. Auch wurde wenig bis gar nicht in Bildung, Gesundheitsversorgung, Wasser- und Abwassersysteme, öffentliche Verkehrsmittel und Telekommunikationsinfrastruktur investiert.

Mosambik war von 1977-1992 Austragungsort eines Bürgerkriegs, der an Brutalität kaum zu übertreffen war. Nach seiner Beendigung litten die Ärmsten Mosambiks noch jahrelang unter den Folgen. Eine Aufarbeitung des Konflikts ist bis heute nur unzureichend oder gar nicht geschehen und lastet schwer auf der Volksseele. Die Ärmsten der Armen waren fortan auch dann die Leidtragenden, wenn die Region von Dürren, Überschwemmungen und 2019 von zwei todbringenden Zyklonen heimgesucht wurde. Dieses regelmässige "überrollt werden" von immer neuen Krisen hatte zur Folge, dass viele Menschen aus der ärmsten Bevölkerungsschicht während all der vergangenen Jahrzehnte seit der erlangten Unabhängigkeit gar nie über die Mittel verfügen konnten, sich eine neue Existenz aufzubauen, geschweige denn weit weg zu fliehen. Durch Subsistenzwirtschaft sicherten sich die meisten Menschen aus Cabo Delgado ihr Überleben.

Die Menschen flüchten südwärts in die bereits von grosser Not geplagten Distrikte Ancuabe und Chiúre.

Oberschicht und ausländische Konzerne schlagen Profit aus Rohstoffen

Im Jahr 2009 wurde in Montepuez, der zweitgrössten Provinzstadt von Cabo Delgado, eines der größten Rubinvorkommen der Welt entdeckt. Von der Entdeckung profitierten zunächst auch handwerkliche Bergleute sowie lokale Bauern und Händler, junge Menschen aus Cabo Delgado konnten sich durch das Schürfen der Rubinen endlich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Jedoch wurde das Abbaurecht für den wertvollen Rohstoff schon bald an ehemalige Anführer des Unabhängigkeitskrieges und mitunter die mächtigsten Männer der Provinz sowie an verschiedene multinationale Bergbauunternehmen vergeben. Tausende von Kleinschürfern und Bauern verloren ihre Existenzgrundlagen.

2010 wurde dann vor der Küste von Cabo Delgado eines der größten Erdgasreserven Afrikas entdeckt. Wieder profitierten Mitglieder der Oberschicht, indem sie die (ausländischen) Gasfirmen belieferten, während die lokale Bevölkerung nur Benachteiligungen erfahren mussten. Einheimische Bauern, die Subsistenzwirtschaft betrieben, wurden von der eigenen Regierung enteignet, Fischer an der Küste von Mosambiks Staatsmacht vertrieben. Der Verarmung der bereits bitterarmen Bevölkerung stand somit nichts mehr im Wege, und die Hoffnungen vieler junger Menschen mit etwas Bildung auf ein besseres Leben, wurden brutal zerschlagen. Aussagen von Umweltkampagnengruppen zufolge waren die angebotenen Entschädigungen für die ansässige Bevölkerung unzureichend. Um die Situation im Norden des Landes nachhaltig zu verbessern, müsste die soziale Ungerechtigkeit beendet werden und Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung geschaffen werden. 

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Wie unterstützt SolidarMed die Menschen in dieser Krise?

Die Not in den Dörfern im südlichen Teil der Provinz Cabo Delgado ist schon ohne Flüchtende gross. Auch die ortsansässigen Menschen leben in grosser Armut. Die Flüchtenden werden in Umsiedlungsdörfern untergebracht. Die Hütten, bestehend aus Bambus, Holz und Lehm, sind sehr klein – noch kleiner als in der Umgebung bereits üblich. Man kann kaum aufrecht stehen darin. Auch sind die sanitären Anlagen äusserst notdürftig. Die Menschen haben kaum zu essen und sauberes Trinkwasser ist sehr rar. Der Mangel an medizinischer Versorgung, Nahrung und sauberem Wasser begünstigt Cholera und andere Krankheiten.

SolidarMed unterstützt mit Hilfe der Glückskette die lokalen Gesundheitsbehörden bei ihrem Vorhaben, mobile Gesundheitsteams in die besonders abgelegenen Umsiedlungsdörfer zu schicken. Zum einen stellt sie die eigenen Fachkräfte zur Verfügung und zum anderen übernimmt SolidarMed zusätzlich anfallende Kosten für Transport oder Personal. Weiter sensibilisiert sie die Menschen über Hygienethemen, um den Ausbruch der Cholera oder die Ausbreitung von Covid-19 in Grenzen zu halten. SolidarMed unterstützt weiter die Behörden auch bei der Verteilung von Moskitonetzen, um die von Malaria besonders gefährdeten Kinder zu schützen. Natürlich stärkt SolidarMed aber auch weiterhin die nun noch mehr geforderten Gesundheitseinrichtungen zum Beispiel mit Personalschulungen.

 

Weiterführende Informationen

19.12.2019

Wiederaufbau nach Zyklon - Radio SRF in Mosambik

Im März und April dieses Jahres suchten die beiden Wirbelstürme «Idai» und «Kenneth» Mosambik heim. Radio SRF besuchte den Wiederaufbau durch SolidarMed und traf unsere Landeskoordinatorin Barbara Kruspan.

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28.11.2019

Tuk-Tuk-Ambulanz in Mosambik

Tuk-Tuks sind langsam, doch sie funktionieren auch in Regionen grosser Armut. SolidarMed forscht gemeinsam mit ETH Lausanne-Forscher Sashidhar Jonnalagedda am Taxi mit Ambulanzfunktion.

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360° SolidarMed - mit Nik Hartmann in Mosambik

Virtuelle Realität: Dank Rundum-Kamera steht der Zuschauer plötzlich inmitten wartender Mütter mit ihren Babys in einem ländlichen Spital, am Bett eines Neugeborenen oder auf einem staubigen afrikanischen Dorfplatz.

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